Maurizio Pugno Organ Trio feat. Mark DuFresne am 05.06.2010 in Geldrop und in Zyfflich

14 11 2010

Alberto Marsico

Wenn liebe Freunde aus der Ferne in der Nähe sind, bietet es sich an, sie einmal wieder zu treffen. Gleich zwei Festivaltermine an diesem einen Tag haben sich die drei Italiener und der eine Amerikaner in den Tourplan geschrieben.

Ich erwarte sie beim diesjährigen «Blues Open» im niederländischen Geldrop. Das Wiedersehen ist herzlich, es tut gut, Maurizio Pugno, Alberto Marsico, Gio Rossi und Mark DuFresne wiederzusehen.

So groß die Freude auch ist, es ist nicht zu übersehen, dass alle vier dem täglichen Tourstress zum Opfer gefallen sind. Auf meine Frage an Alberto, ob er müde sei, bekomme ich die Antwort: „Frag mich das in drei Stunden noch mal…“ We all pay our dues to the blues…

Das Festival in Geldrop ist ausverkauft. An diesem Samstag herrscht bestes Open Air Wetter, doch die Veranstaltung findet in eine Halle statt. So bleibt ein Großteil der Besucher nach den ersten beiden Darbietungen von Little Louis & Aart van der Wulpen und dem unter die Haut gehenden Akustik- Solokonzert von Ian Seagal draußen an den Essens- und Getränkeständen draußen, während das italienisch- amerikanische Quartett bereits die ersten Songs spielt.

Es sind Vollprofis, alle vier. Von der Müdigkeit bekommt der „gemeine“ Zuschauer nichts zu spüren. Mark präsentiert sich wieder einmal als „Rampensau“. Und die Musik macht wieder einmal so richtig Laune. Ob «The Lion’s Den», «Pray for Me Baby», «We Have Come For Your Daughters» oder «Two For The Price Of Ten», alle Songs zaubern mir wieder ein Strahlen ins Gesicht, weil live und frisch zubereitet schmecken sie einfach besser als aus der (CD)- Dose.

Nach und nach vervollständigt sich die werte Zuhörerschaft. Der Zeitplan ist straff, so ist nach einer Zugabe Schluss. Applaus. Danke. Einpacken. Weiter zum nächsten Gig nach Zyfflich.

Schon vorher war ich wild entschlossen, die Band dorthin zu begleiten. Mark’s wie immer charmanter Kommentar: „So you wanna hear the same shit again?

Genau das will ich und so klemme mich wie seinerzeit in Italien an Maurizios Van. Band on the run. Die niederländischen Autobahnen führen uns dann über Nijmwegen bis nach Zyfflich, 13 Kilometer von Kleve entfernt.

Die Mägen grummeln, Durst ist ein ebenfalls nicht zu vernachlässigender Faktor. Das Restaurant, in das man uns zum Essen schickt, hat seine Küche leider schon geschlossen, es ist immerhin schon nach 22 Uhr.

Auf dem Festivalgelände bekommen wir dann doch noch Gegrilltes mit Pommes und ein paar Bier. Die Verpflegungssituation für Profibands wie diese ist auch nicht gerade üppiger als die für Amateure. Mir fallen zig ähnliche Situationen aus der Zeit ein, als ich mit meiner damaligen Band noch unterwegs war.

Auch in Zyfflich finden die Konzerte in Zelten statt. Die noch ermatteter erscheinenden Bluesmatadoren begeben sich erneut auf die Bühne. Alberto brauche ich jetzt nicht nach Müdigkeit zu fragen, die Antwort steht ihm ins Gesicht geschrieben.

Keiner der Akteure und auch nicht der Chronist hat auch in dem Moment auch nur die leiseste Ahnung von dem, was sich hier in Kürze abspielen wird.

Wie immer zum Beginn der Show ein Trio- Intro instrumental. Dann kommt Mark auf die Bühne. Das Zelt ist rappelvoll gefüllt.

Nach ein, zwei, drei Songs ist im Zelt die buchstäbliche Hölle los. Steppende Bären, Päpste im Kettenhemd, fragt nicht nach Sonnenschein… Was ist das denn?

Es wird eine regelrechte Party. Ich habe noch nie bei einem Blueskonzert eine so große Menschenmenge vor der Bühne so ausgelassen tanzen sehen. Aus einer Bluesband ist eine Stimmungskapelle (im besten Sinne) geworden.

In die eben noch von Müdigkeit gezeichneten Musikergesichter mischt sich wiederholt Lächeln. Mark gibt alles, in der Form habe ich ihn auch noch nie gesehen.

Die Begeisterung dieses Publikums ist für die vier Akteure Reibung genug, jetzt nochmals verstärkt auf die Tube zu drücken. Die Power, diese Energie, das Jetzt-Erst-Recht. Brillante Soli von Harp, Orgel und Gitarre! Mark’s Stimme! Und dabei hatte er eben noch die Befürchtung, nur noch krächzen zu können. Nichts von dem, er übertrifft sich selbst.

Ich stehe eine ganze Zeit schräg hinter Gio mit auf der Bühne und betrachte sein ausgefeiltes Drumspiel, das mit einfallsreichen Fill-Ins immer für Abwechslung sorgt, dazu so was von genau und immer auf den Punkt kommt.

Was für ein Unterschied, betrachtet man diese Band und ihre beiden Konzerte an diesem 05.06.2010. Es sind dieselben Musiker und fast dieselben Songs. Das Publikum ist ein anders, die Tageszeit ebenfalls.

Aus geplanten 90 Minuten werden 120. Gegen halb Zwei nach drei Zugaben ist der helle Wahnsinn zu Ende. Ich gratuliere der Band zu diesem Gig und mir, dass ich mit hierhergekommen bin, um zwei Stunden pure Lebensfreude zu spüren.

Überall nur zufriedene Gesichter, beim Publikum, beim Veranstalter, bei den Musikern.

Nach dem Beladen des Vans, sitzen wir noch ein paar Minuten zusammen und lassen den Tag ausklingen. „Ausklingen“ ist das richtige Wort. Es klingt noch in meinen Ohren: Die Musik der letzten beiden Stunden, der Applaus…

Dann ist wieder einmal Zeit Abschied zu nehmen von den Freunden Mark, Maurizio, Gio und Alberto. „Always a pleasure… alla prossima…we’ll keep in touch…“

Zwei Stunden werde ich noch unterwegs sein durch die Nacht. Wenn ich zu Hause ankomme, wird der Tag schon anbrechen. Wieder einmal. Und mein Kopf und mein Herz werden immer noch voll sein mit Blues der Güteklasse 1A++++ des Maurizio Organ Trios featuring Mark DuFresne. Grazie & Thanks.

Text und Fotos (c) 2010 Tony Mentzel

PS
Noch einen herzlichen Dank an die Veranstalter der beiden Festivals, ihr habt da jeweils einen tollen Job gemacht. Ich bin gespannt auf das Programm vom nächsten Jahr…





Maurizio Pugno Band feat Mark DuFresne & Sugar Ray Norcia am 23.01.2010 im Razzoo, Uden (NL)

14 11 2010

Maurizio Pugno

Maurizios Einladung zur Release- Party der neuen CD «Kill The Coffee» steht schon eine ganze Zeit, meine freudige Zusage so ziemlich eben so lange. So mache ich mich an diesem Samstagspätnachmittag auf ins niederländische Uden, das etwa 40 km von Eindhoven entfernt liegt. Für mich eine Strecke von etwa 180 km. Also zirka zwei Stunden winterliche Fahrt. Sei’s drum. Was mich erwartet, hat garantierten Seltenheitswert: Zwei ehemalige Mitglieder von «Roomful Of Blues» auf einer gemeinsamen Bühne zu erleben und das gestützt von einer Band unter Leitung des grandiosen „Maestro“ Maurizio Pugno, die sich im internationalen Vergleich, nirgends, aber wirklich nirgendwo, verstecken muss.

Das Wiedersehen mit Maurizio und der Band ist äußerst herzlich, ebenso das mit Sugar Ray, den ich vor eineinhalb Jahren zum ersten Mal getroffen habe.

Als Opener spielt ab 20:30 Uhr das niederländische Trio Danny’s Rock & Roll Acoustics. Bestzung: Gesang, akustische Gitarre, Kontrabass und Schlagzeug. Geboten werden hier Rock’n‘ Roll, Blues und Rockabilly Klassiker à la Elvis, Carl Perkins, Stray Cats. Die drei Jungs machen ihre Sache sehr gut. Die Stimmung ist vorgeheizt, der Saal des Razzoo füllt sich zusehends.

Kurz nach 22Uhr ist es dann so weit: Mit «Tronfy, The Weeper», einem swingendem, jazzig angehauchten Instrumental, eröffnet die Maurizio Pugno Band ihr Set. Für Maurizio die erste Gelegenheit, das Beste aus seiner Telecaster herauszuholen. Und wie er hier diese Gelegenheit nutzt!Schon jetzt ist klar, dass sich jeder der 180 Kilometer gelohnt hat. Und auch die für die Rückfahrt.

Mark DuFresne betritt die Bühne. Ein nicht nur musikalisches Schwergewicht. Ausdrucksvoll im Gesang und im Harmonikaspiel gleichermaßen. Der erste Titel ist «Lion’s Den», gleichzeitig auch der Opener auf dem neuen Silberling.

Es folgt die erste Stunde allerfeinsten und reinen Musikgenusses. Man wähnt sich in Chicago in einem dieser legendären Bluesschuppen. Ich lehne mich innerlich zurück und lasse das zu Gehör Gebrachte auf mich einwirken. Diese Musik ist authentisch und weiß mich fortzureißen und mitzunehmen.

Es ist das Geheimnis einer hohen Kunst, und Kunst kommt bekanntlich von Können und davon haben alle Musiker auf dieser Bühne reichlich.

Am Schlagzeug Gio Rossi, ein ausgefuchster Drummer, der beinahe unauffällig alles das bietet, was ein Schlagwerker auf höchstem Niveau bieten muss.

Lucio Villani spielt den Kontrabass. Konzentriert und immer auf der Höhe des Geschehens.

Statt des Pianisten/Organisten Alberto Marsico, der auf der CD die Tasten bedient, sitzt heute Marco Meucci am Keyboard. Auch er hat sein (Tasten)Handwerk gelernt und brilliert immer wieder durch wunderschöne Sololäufe.

von links nach rechts: Sugar Ray Norcia, Maurizio Pugno, Mark DuFresne & Sugar Ray Norcia

Nach Mark’s Auftritt geht es ohne Pause weiter: Sugar Ray Norcia übernimmt den Gesangs- und Harppart.

Es ist, als gäbe es jetzt noch eins obendrauf. Jedenfalls kommt es mir so vor. Vielleicht ist es aber einfach nur das Verlangen nach Mehr, was mir diesen Eindruck vorgaukelt. Sugar Ray ist ein weiterer absoluter Meister seines Fachs.

«Rocking Sugar Daddy», «I Like It Like That» oder «Big Party At My House» nehmen uns mit auf die facettenreiche Reise durch die bunten Stilarten des Blues. Es ist ein Trip, von dem man sich wünscht, das niemals aufhören mag.

Aber auch die besten Dinge kommen mal zu einem Ende. Und das Ende dieses Abends hat es dann noch einmal in sich: Mark DuFresne und Sugar Ray Norcia stehen nun gemeinsam auf der Bühne und wechseln sich im Lead- Gesang und im Harpspiel ab. Sie spornen sich, ja feuern sich gegenseitig an. Es wird improvisiert, was das Zeug hält. Es ist gnadenlos gut und frisch und unverbraucht. Ein akustischer Taumel in schier unendliche Weiten.

Jetzt, knapp 48 Stunden nach dem Erlebten, in dem Moment, in dem ich das hier niederschreibe, kommt mir der gesamte wunderbare Abend noch einmal ins Bewusstsein. Und mir wird schmerzhaft klar, dass ich das Gehörte und Gesehene nur annähernd in Worte fassen kann.

So etwas kann man nicht wiederholen. So etwas ist einmalig. Ich werde noch lange an diesen Abend zurückdenken.
Deshalb auch ein Riesendanke an alle, die dieses unvergessliche Erlebnis möglich gemacht haben: Grazie. Thanks. Bedankt.

Fazit: Sollte dieser feine Blueszirkus oder auch nur irgendwelche Teil- oder Untermengen hiervon in eine irgendwie erreichbare Nähe zu euch kommen: Unbedingt nicht verpassen. Denn das wäre eine Sünde.

(C) Text und Fotos 2010 Tony Mentzel