Johnny Mastro & Mama’s Boys im Mai in Viersen, Verviers & Dortmund

14 11 2010

Johnny Mastro

Dies ist kein Konzertbericht im üblichen Sinne. Es ist vielmehr der Versuch einer Annäherung an das und Beleuchtung des Phänomens Johnny Mastro und seiner Band. Ich hatte das große Vergnügen, Johnny Mastro, Smokehouse Browm, Michael Hightower und Jimmy Godall während ihres Europaaufenthaltes auf drei verschiedenen Bühnen live zu erleben: Im Saal Birgit in Viersen, im Spirit of 66 in Verviers und zuletzt im Piano in Dortmund. Das Ganze innerhalb von 6 Tagen.

Ich bin also Wiederholungstäter und das aus Überzeugung, aber nicht nur hier und heute, Herr Mastro hatte mich bereits zuvor einige Male auf seinen Touren schlichtweg begeistern können.

Soviel sei schon einmal vorweg gesagt: Keins der drei Konzerte war wie das andere. Es ist erfrischend zu sehen und zu hören, dass Johnny hier seiner Maxime, immer etwas Neues zu (er)schaffen, treu bleibt. Und alle Gigs bisher hatten etwas, das mich immer wieder aufs Neue mitgerissen hat.

Eine geschriebene Setlist gibt es nicht. Die Auswahl der Songs und deren Reihenfolge legt Johnny spontan und aus dem Bauch heraus fest. So sind seine Titelansagen nicht nur an das Publikum gewandt, sondern dienen auch der Band als Orientierung. Dann heißt es beispielsweise: „Jetzt spielen wir den Titel XY in der Tonart Z.“

Das Verblüffende ist, dass jeder immer sofort weiß, was zu tun ist. Egal ob das Intro vom Schlagzeug, Harp oder Gitarre kommt oder eine festgelegte Kombination aus den drei Vorgenannten ist, diese vier Musiker treffen schlafwandlerisch sicher ihren Einsatz und damit den guten Ton und auch das richtige Tempo.

Hier sind wir genau an dem Punkt, der die manchmal unheimlich wirkende Kompaktheit dieser Formation ausmacht. Diese vier Musiker bilden eine verschworene in sich geschlossene und minutiös auf einander abgestimmte Einheit.

Die einzelnen Titel haben einen vorgegebenen äußeren Rahmen, der immer wieder neu gefüllt wird. Improvisation ist das Zauberwort und das wird ganz groß geschrieben. Dies gilt für Instrumentalparts genauso wie die Texte.

Johnny Mastro hat alles im Griff. Er ist der Bandleader und der Dirigent gleichermaßen. Hinter dem Rücken gibt er Zeichen für seine Mitspieler, ähnlich wie man es aus dem Volleyball und anderen Sportarten kennt.

Diese Vorgehensweise ergibt natürlich Freiräume für alle. Jeder kann sich ohne Zwang entfalten und das in die Titel hineinlegen, was er gerade in diesem Moment ausdrücken will. Genau das wird mit einer traumhaften Virtuosität umgesetzt und zusammen genommen ist das, was ein Konzerterlebnis mit den Kaliforniern jedes Mal einzigartig werden lässt und somit den Reiz dieser Band ausmacht.

Hier wird nichts nach Schema F abgespult. Wer diese Musiker auf der Bühne erlebt, bekommt den „Real Deal“, hier ist nichts geschönt, es gibt keine Effekthascherei, alles ist aus dem Bauch heraus, gefühlsecht und authentisch.

Musik ist ein Ventil für Gefühle, Stimmungen, ja Leidenschaft. All dies birgt eine musikalische Darbietung in sich. Menschen wie Johnny Mastro leben dies ungeschminkt und ohne Gimmicks.

Die Band, stampft, schnaubt, schreit, schweigt. Legt Kohlen auf die Lok und nimmt sie wieder weg. Ausgedehnte Harp- oder Gitarrensoli treiben sich dynamisch auf die Spitze und nehmen einen mit, ziehen in ihren Bann, am Ende eins Titels, wenn die Spannung wieder nachlässt, ist man selbst als purer Zuhörer durch emotionale Berg- und Talfahrten gegangen und fühlt sich im wahrsten Sinne mitgenommen. Man muss ich nur darauf einlassen, in die Gondel steigen und los geht die Reise. So gespielte Musik befreit von der Alltagsschwere, sie macht dich leicht, wenn du ihr zu folgen bereit bist. Es ist wie ein bodenloser Rausch, nur ohne jegliche Nebenwirkung.

Johnny aber auch Smokehouse werfen ihre Körper in den Rhythmus der Musik, manchmal gehen sie sogar „auf die Bretter“ und setzen ihr musikalisches Feuerwerk kniend fort. Dies sind keine simplen Showgags, das ist nach außen gekehrte Emotion.

Michael Hightower hingegen steht stoisch, scheinbar in sich versunken und fast bewegungslos auf einer Stelle und zupft seinen Bass.

Johnny hat mir mal gesagt: „Ich bin kein Little Walter, auch kein Lester Butler oder James Harman, ich werde ihr Spiellevel wohl nie erreichen. Aber ich bin Johnny Mastro. Und der muss seinen eigenen Weg, seinen eigenen Stil finden.“

Exakt hier befindet sich Johnny Mastro. Auf seinem eigenen Weg. Unbeirrbar. Man kann es hören, egal, ob er die diatonische oder die chromatische Harmonika spielt. Seine Art zu singen hat allein vom Timbre schon etwas sehr Individuelles. Dazu schickt er die Stimme manchmal klar und allein über das Gesangsmikro, manchmal verzerrt über das Harpmikro, einen besonderen Effekt gibt es, wenn er durch beide Mikrofone gleichzeitig singt.

«Beautiful Chaos» heißt die aktuelle CD. Der Titel sagt viel aus über die Herangehensweise an die Musik. Manchem mag diese tatsächlich chaotisch vorkommen, ungeordnet, verworren. Aber wie wunderbar und genial sie ist, erschließt sich erst dann, wenn man sich ihr öffnet, das Denken nach hinten stellt und sich treiben, sich tragen lässt von dem, wie ich hinzusetzen würde, «Beautiful Noise».

Wenn Johnny eventuell im Herbst wieder in unsere Breiten kommt, werde ich wieder da sein. Auf mindestens einem seiner Konzerte. Und ich werde ihr wieder erneut erliegen: Der Magie seiner Musik.

Text und Fotos (c) 2010 Tony Mentzel


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