Jazz & Blues Festival am 09.08.2009 in Gouvy, Ferme Madelonne (B)

14 11 2010

 

Gouvy 2009

 

Prolog
Gouvy liegt einige Kilometer nördlich der luxemburgischen Grenze in Ostbelgien.

Das Festival feiert dieses Jahr seinen 30. Geburtstag und dauert jeweils drei Tage, die beiden ersten Tage sind dem Jazz und seinen Interpreten vorbehalten, der Dritte steht ganz im Zeichen des Blues.

Das Ganze findet auf einem alten Bauernhof statt, der Ferme Madelonne. Nebenan gibt es die Möglichkeit frei zu campen, was für die Besucher des kompletten Festivals sicher eine willkommene Option ist.

Parallel auf zwei Bühnen – in der ehemaligen Scheune, dem Club, und unter einem riesigen Zelt, dem Chapiteau – treten die Künstler auf. Das geschieht zum Glück etwas zeitversetzt, so kann man zwischen den beiden gleichzeitigen Events, so man möchte, hin- und herpendeln.

Das Wetter ist stabil, ein paar Wolken am Himmel, aber Regen ist nicht in Sicht.

Die Konzerte
Lightnin‘ Guy & The Mighty Gators
Diese junge belgische Band ist für mich gleich zu Beginn die Überraschung des Festivals. Die vier jungen Musiker aus dem ostflandrischen Gent legen in der alten Scheune einen sehr rauen, ungeschliffenen Blues auf. Lightnin’ Guy Verlinde: Slide, Harp & Vocals, Arne Demets: Gitarre, Dominiek Buyse: Bass und Thierry Stiévenart: Schlagzeug haben eine Menge Festivalerfahrung. Musik, die in den Magen und in die Beine geht. Eine erste CD gibt es auch, sie ist mit «Live From The Heart» betitelt. Von eben dieser CD, die sie allerdings in einer größeren Besetzung (Bläsersatz und Keyboard) eingespielt haben, sind die meisten Songs, die heute zu Gehör gebracht werden. Zum Beispiel das funky Stück «Cut You Loose» oder der Klassiker «Goin Down», besonders gut gefällt mir die Interpretation von Bill Wither’s «Ain’t No Sunshine».

Die beiden Gitarristen ergänzen sich hervorragend. Im Wechsel zwischen Silde und Standardspiel liegt eine besondere bluesige Würze. Über allem thront Guy’s reichlich schmutzige, ausdrucksvolle und Stil sichere Stimme.

Fazit hier: Eine klasse Band, die sicher ihren Weg machen wird.

Guitar Ray & The Gamblers
Italien scheint sich momentan zu einem der bedeutendsten Bluesländer Europas zu mausern. So greifen US- amerikanische Künstler auf ihren Europatouren immer wieder gerne auf Backingmusiker und –bands aus dem stiefelförmigen Land zurück. Allein auf diesem Festival spielen zwei Acts mit rein italienischer Unterstützung.

So ist es nicht mehr als gerecht, auch einen Vertreter des italienischen Blues auf dieses Festival zu verpflichten. Guitar Ray ist mit seiner Band The Gamblers aus Genua angereist.
Am Keyboard sitzt ein „alter Bekannter“: Henry Carpaneto, den ich vor ein paar Monaten schon an der Seite von Bryan Lee bewundern durfte. Er ist ein ausgezeichneter Pianist und das lässt er auch heute durch seine erlesenen Boogie- Woogie Einlagen durchscheinen. Als fester Bestandteil der Gamblers zeichnet er auch mitverantwortlich als Autor für so manchen Titel des heutigen Sets.

Während Henry eher bescheiden hinter seinem Roland Keyboard sitzt, zeigt Guitar Ray, was er unter den Aufgaben eines Frontmannes versteht. Er ist Dreh- und Angelpunkt der Show. Immer in Bewegung, immer ein Lachen im Gesicht, immer das Publikum animierend und immer auf der Höhe bezüglich seines Gitarrenspiels.

Seine schwarze Guild liefert den amtlichen Sound für seine amtliche Art des Bluesspiels. Egal, ob im Rhythmusspiel oder in den Soli. Der Mann kann es und weiß, dass er es kann. Chicago Blues vom Allerfeinsten. Die volle Breitseite.

Ray verfügt zu dem noch über eine kräftige, ziemlich sonore Stimme, die mal rau, mal schmelzend daherkommt.

Die klasse Performance wird durch die gut auf einander abgestimmte Band unterstützt, den Gesamtsound prägen nicht zuletzt die beiden Bläser Paul Maffy am Sax und JP Lo Bello an der Trompete. Sie setzen rhythmische wie solistische Akzente und geben dem Gesamtklangbild den letzten Schliff.

Nicht vergessen möchte ich Gabby Dellepiane am Bass und Mark Fuliano an den Drums zu erwähnen. Sie geben dem Ganzen den unabdingbaren, tragfesten Untergrund.

Titel wie: «A Poor Man (Like Me)», «As The Years Go Passing By», «All Your Love», «Every Dog Has Its Day» und der Stray Cats Klassiker «Rock This Town» werden in wahrlich überzeugender und mitreißender Manier vorgetragen, sodass das Publikum im Zelt in kurzer Zeit bereits auf Höchsttemperatur kocht. Frenetischer Beifall, der hoch verdiente Lohn für eine musikalische Glanzleistung.

Fazit: Diese Band kann ich uneingeschränkt weiterempfehlen.

Cisco Herzhaft
Nach dem furiosen Auftritt von Guitar Ray & The Gamblers ist der des Franzosen Cisco Herzahft das richtige Gegenmittel, den nach oben gedrehten Puls wieder ein wenig zu beruhigen.

Seit mehr als 30 Jahren ist er professionell als Bluesmusiker unterwegs. In Frankreich gilt er als Institution. Seine Vorbilder sind Big Bill Broonzy und Muddy Waters, den (Künstler-) Namen «Cisco» entlehnt er dem amerikanischen Folksänger und Gitarristen Cisco Houston.

Cisco Herzhaft gilt heute als einer der bedeutendsten Fingerpicking- Gitarristen Europas.

Und es macht Spaß ihm zuzusehen und zuzuhören. Er sitzt auf einem Hocker, singt und spielt Gitarre oder Dobro. Sein linker Fuß tritt dazu den Takt auf einer selbst gebastelten Stompbox. Das ist ein einfaches Holzbrett mit einem eingelassenen Tonabnehmer, darunter eine Fußmatte aus Gummi. Das reicht vollkommen, um beispielsweise «Baby, Please Don’t Go» im Stile und im Sinne von John Lee Hooker rhythmisch zu begleiten.

Gitarristisch hat Cisco Herzhaft einiges zu bieten, ob es Ragtime, Blues oder Boogie ist, er spielt ein feines, ideenreiches und sauberes Picking. Sein Gesang tut das Übrige, um einen in seinen Bann zu ziehen. Auch seine Zwischenmoderationen sind witzig und wirken niemals aufgesetzt.

Bei «I Can’t Be Satisfied» slidet er mit einem gefüllten Whiskeyglas auf der Dobro, wobei er sich ab und an einen Schluck gönnt.

Cisco Herzhaft, der auch bisweilen mit Band auftritt, liefert hier und heute eine perfekte One Man Show ab. Allen im Publikum steht ein Grinsen ins Gesicht geschrieben und der Beifall ist nicht zu knapp bemessen.

Klar, dass auch Cisco an mein Mikrofon muss, in seinem Gruß an die Hörer von JJBR sagt er, dass er es toll findet, dass es Radios, wenn auch viel zu wenige, gibt, die sich dem Blues widmen. Er wünscht uns weiterhin viel Erfolg.

RJ Mischo und Sonny Rhodes
Die Beiden und ihre Band habe ich erst vor drei Wochen in Luxemburg gesehen und war schier begeistert. Diese Begeisterung lässt sich heute ohne Umschweife wiederholen, ja, ich habe den Eindruck, dass alles, was von der Bühne kommt, heute noch intensiver und dichter wirkt als vor drei Wochen.

Vor allem Sonny Rhodes macht aus seiner gut aufgelegten Spielfreude keinen Hehl. Es ist toll, einen solchen Musiker live zu erleben. RJ Mischo meint später zu mir: „Das war eins unserer besten Konzerte auf dieser Europatour, aber kein Wunder bei einem solchen Ambiente.“

Da hat er Recht, die Stimmung auf dem Gelände ist hervorragend, überall gut gelaunte Menschen, eine tolle Festivalatmosphäre.

Wer mehr zur Güte dieser Musiker lesen möchte, hier geht’s zum Bericht aus Luxemburg…

Eigentlich wäre das Konzert von RJ Mischo und Sonny Rhodes schon der krönende Abschluss gewesen. Für mich waren sie der Hauptact, als ich die Liste der auftretenden Musiker zum ersten Mal gelesen hatte.

Aber dann, ja dann…

Carvin Jones & Band
Während des Konzerts von RJ Mischo und Sonny Rhodes saß er schon backstage und spielte auf seiner Fender Stratocaster still die Soli mit und hatte dabei einen Heidenspaß: Carvin Jones.

Der Mann aus Phoenix, Arizona hat sich ebenfalls Verstärkung aus Italien geholt: Mike Califano am Bass und Gianpaolo Feola am Schlagzeug. It’s Power- Trio time!!

Was jetzt auf der Bühne geschieht, ist einfach schwer in Worte zu fassen. Wer bisher geglaubt hat, es gibt keine Musiker mehr wie Jimi Hendrix oder Stevie Ray Vaughan, sieht beide in der Person von Carvin Jones vereint. Nein, es ist kein Abklatsch dieser beiden nicht weg zu diskutierenden Gitarrengrößen, Carvin spielt zwar unter anderem ihre Titel, geht dabei aber durchaus eigene Wege. Er bringt es spielerisch spielend auf den Punkt, was die die Urahnen des modernen Blues- und Rockgitarrensounds in vielfacher Weise auf die Bühnen und in die Studios dieser Welt gebracht haben. Bei Carvin klingt nur alles irgendwie anders und doch gleichzeitig vertraut. Spielt er schneller, dreckiger?

Er ist ein Virtuose, ohne Zweifel, er ist aber auch jemand, der nicht in Selbstverliebtheit ob seines Könnens aufgeht. Er wirbelt auf der Bühne herum wie ein wild gewordener Derwisch, steht, springt, kniet, legt sich hin ohne aber die Konzentration auf sein Gitarrenspiel zu vernachlässigen. Er sucht die Reibung mit dem tosenden Publikum.

Er spielt die Gitarre, spielt aber auch mit ihr. Sie wird bei ihm zu einem Spielzeug. Wer hat eigentlich gesagt, man müsse zum Gitarrenspiel beide Hände benutzen? Carvin schafft es locker, ganze Solopassagen allein mit der linken, der Greifhand zu spielen. Die Fender lässt er dabei am ausgestreckten linken Arm „verhungern“.

Solche Gimmicks kommen im mittlerweile überbrodelnden Zelt überaus gut an. Ich bin da ganz ehrlich: So was habe ich bislang noch nicht erlebt.

Es ist egal, welchen Titel, Carvin Jones hier angeht: «Boom Boom», «Born Under A Bad Sign», «White Room», «Little Sister», «Purple Haze» oder «Voodoo Chile», alles kommt mit einer vibrierenden Gewalt von der Bühne, der man sich nicht eine Zehntelsekunde entziehen kann. Genauso wie keine Sekunde zwischen den Titeln vergeht, es geht Schlag auf Schlag, keine Atempause wird gemacht.

Auch der Mann am Bass, meist eine Zigarettenspitze mit brennendem Tabakröhrchen im Mund, fegt über die Bühne als gäbe es kein Morgen mehr.

Nach einer knappen Dreiviertelstunde sagt Mr. Jones den letzten Titel an. Erstaunen im Publikum, Rufe nach Mehr und genau das hat der Vollprofi beabsichtigt. Ganz „gnädig“ lässt er sich noch zu einer Zugabe herab, die allerdings mehr als weitere 45 Minuten dauert.

Der Auftritt von Carvin Jones und Band fegt wie ein Orkan durchs Festivalzelt, die letzten Titel bekomme ich aus dem Backstagebereich mit, auch hier nur ungeteilte Begeisterung der Veranstalter- Crew und der noch verbliebenen anderen Musiker.

Epilog
Ich bin für heute fertig mit der Welt und heilfroh, hergekommen zu sein. Und wenn mir nicht der Himmel auf den Kopf fällt, werde ich auch nächstes Jahr wieder hier sein.

Danke an Claude Lentz und seine Mannschaft, die seit 30 Jahren dieses Festival auf die Beine stellen, das sicher seines Gleichen sucht.

Ein Festival zu moderaten Preisen, in einem tollen Ambiente, mit einem reibungslosen Ablauf, toller Musik von erstklassigen Musikern für ein begeisterungsfähiges Publikum. Was will man mehr?

Text und Fotos © 2009 Tony Mentzel


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